Unter meinem letzten Video, in dem ich alleine am Fluss saß und einfach die Natur genossen habe, gab es viele Kommentare.
Immer wieder wurde mir geschrieben, dass es viel zu gefährlich sei, als Frau alleine irgendwo im Nirgendwo am Fluss zu sitzen. Für viele war es unverständlich, dass ich mich an einen Ort begebe, an dem weit und breit niemand ist und theoretisch jederzeit ein Mann auftauchen könnte.
Ich verstehe diese Sorge. Wirklich.
Denn ich selbst bin 29 Jahre alt und habe leider schon mehr als genug unangenehme Erfahrungen mit Männern gemacht. Es gibt unzählige Situationen, die ich aufzählen könnte. Glücklicherweise ist nie etwas so weit eskaliert, dass ich mich nicht selbst aus der Situation befreien konnte. Trotzdem hätte keine einzige dieser Erfahrungen passieren dürfen.
Was ich allerdings besonders bemerkenswert finde, ist, dass diese Erlebnisse fast nie dort passiert sind, wo andere die größte Gefahr vermuten würden.
Ich war alleine in Vietnam unterwegs. Ich bin den Jakobsweg alleine gelaufen. Ich gehe alleine schwimmen, sitze alleine am Fluss und bin sogar abends alleine im Wald unterwegs. In all diesen Situationen habe ich keine sexuellen Annäherungsversuche oder Übergriffe erlebt.
Die Situationen, in denen ich tatsächlich belästigt wurde, waren ganz andere.
Sie passierten auf dem Weg zum Supermarkt, auf der Arbeit, im Taxi, vor meiner Haustür oder in meiner Nachbarschaft. Also genau an den Orten, an denen ich mich eigentlich sicher gefühlt habe.
Besonders belastend waren meine Erfahrungen im Berufsleben.
Ich hatte bereits drei verschiedene Arbeitgeber und bei jedem einzelnen kam es zu Situationen, in denen ich mich sexuell belästigt gefühlt habe. Ich bekam ungefragt Bilder von männlichen Geschlechtsteilen geschickt. Ich arbeitete mit einem Mann zusammen, der seine Behinderung immer wieder ausnutzte, um Frauen sexuell zu belästigen. Er schrieb über soziale Medien, verfolgte mich und stand sogar nachts vor meiner Wohnung und klopfte an mein Fenster, als ich alleine lebte.
Ich habe erlebt, wie deutlich ältere Kollegen mich ungefragt angefasst oder massieren wollten. Mir wurden anzügliche Bemerkungen gemacht z. B. sagt ein Mann zu mir, ich sei zum Vernaschen, nur weil ich einen ganz normalen Rock trug, der weder kurz noch figurbetont war.
Und was mich bis heute nachdenklich macht, ist die Tatsache, dass es nie Männer in meinem Alter waren.
Es waren immer Männer über 50 Jahre. Männer, die teilweise selbst Töchter haben und eigentlich wissen müssten, wie respektvoller Umgang aussieht.
Diese Erfahrungen haben mir eines gezeigt.
Ich werde mein Leben nicht von Angst bestimmen lassen.
Ich werde nicht aufhören, alleine unterwegs zu sein, nur weil es Männer gibt, die keine Grenzen respektieren. Ich werde weiterhin reisen, die Natur genießen und Dinge alleine unternehmen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass ich unvorsichtig bin.
Ich passe auf mich auf. Wenn ich alleine unterwegs bin, schicke ich meinen Eltern meinen Live Standort. Ich überlege mir genau, wohin ich gehe, und wenn ich mich unsicher fühle, treffe ich entsprechende Vorsichtsmaßnahmen. Frauen lernen leider schon sehr früh, ihre Umgebung ständig im Blick zu behalten.
Aber Vorsicht bedeutet nicht, das eigene Leben aufzugeben.
Ich möchte nicht zulassen, dass die Angst vor möglichen Gefahren bestimmt, wie ich mein Leben führe. Denn wenn wir Frauen anfangen, uns aus Angst zurückzuziehen, geben wir ein Stück unserer Freiheit auf.
Männer sollten nicht darüber entscheiden, wo wir hingehen oder wie wir leben.
Das entscheiden wir selbst.
Ja, Gefahren gibt es. Aber sie gehören zum Leben. Wir setzen uns auch Risiken aus, wenn wir Auto fahren, zur Arbeit gehen oder ganz normale Alltagswege zurücklegen. Absolute Sicherheit gibt es nicht.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Gefahren existieren.
Die entscheidende Frage ist, ob wir deshalb aufhören sollten zu leben.
Zu meinem Video vom Fluss möchte ich noch etwas ergänzen. Was man darin nicht sieht, ist, dass mein Auto nur etwa 20 Meter entfernt stand. Direkt hinter mir verlief eine Straße, die man im Video sogar hören kann. Außerdem konnten mich von der anderen Seite jederzeit andere Menschen sehen. Ich war also keineswegs irgendwo abgelegen oder schutzlos.
Ein kurzer Videoausschnitt zeigt niemals die gesamte Situation.
Ich denke sehr genau darüber nach, was ich tue. Wie viele andere Frauen wurde auch ich von klein auf dazu erzogen, vorsichtig zu sein und auf mich aufzupassen.
Aber ich werde mein Leben nicht kleiner machen, nur weil andere Menschen ihre Grenzen nicht kennen.
Ich entscheide selbst, wie ich mein Leben leben möchte.
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Kommentare
Liebe Kristina,
Ich finde Du machst das toll. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie du, aber es ging noch weiter. Ich wollte dich nicht dafür kritisieren, dass du allein an der Ruhr sitzt, sondern finde das toll, weil ich mich das leider nicht mehr traue. Du hast also meinen großen Respekt.
Es stimmt, wir Frauen sollten unser Leben nicht wegen solcher Idioten beschränken, aber mir persönlich bringt es nichts, in Angst etwas zu tun.
Mach weiter wie bisher, ich mag deine Videos sehr und freue mich schon auf das nächste 😊.
Liebe Grüsse
Bianca